Selbst wenn du die Sätze im Geist fein vorformuliert hast, bevor du sie aussprichst, zeigen sie dir ihre Hilfsbereitschaft, und, falls sie Zeit haben, fragen sie dich sofort:
»Woher kommen Sie?«
Woher zum Teufel wissen sie, daß du nicht einer der Ihren bist? Obwohl du schon etliche Jahre im Ausland lebst, ist dir aufgefallen, wie sie auf ganz bestimmte Art lächeln, wenn du sprichst?
Hast du einen deutschen Freund? Eines Abends, nach dem dritten Bier erzählt er dir, wie gut ihm dieser Akzent gefällt, den du da hast, ehrlich. (Welcher Akzent? fragst du dich. Meiner? Merkt man ihn immer noch? Nach all den Jahren?)
Erinnerst du dich, wie es das erste Mal im Ausland war? Du hast hastig gegrüßt und immer auf die andere Straßenseite gestarrt, um nur ja nicht angesprochen zu werden. Im Park hast du dich auf die Bank niedergelassen und sofort nach deiner Zeitschrift gegriffen, um gesprächswillige Spaziergänger abzuwehren.
Erinnerst du dich, wie du immer mit einem größeren Geldschein als nötig bezahlt hast, hast ihre unbegreiflichen Ziffern verflucht und nicht gewußt, wohin mit diesen Unmengen an Münzen, die in allen Taschen übrigbleiben. Erinnerst du dich an die immer gleiche Bestellung im Restaurant? Um die notwendigen Diskussionen mit dem Kellner abzukürzen, hast du immer das ewig gleiche Gericht bestellt. Warst du in Gesellschaft, wiederholtest du meistens automatisch nach der vorhergehenden Bestellung: »Für mich das gleiche, bitte!« Selbst wenn du nicht die geringste Ahnung hattest, wie dieses »gleiche« wohl schmecken mochte.
O Heimatland! Wer dich verläßt, dessen erste Strafe ist Schweigen. Wer aus dir wegfährt, wird zu einem der vielen Taubstummen in der stotternden Armee der Anderssprachigen.
Wie viele Tage wirst du brauchen, bis du es wagst, dich in deinem neuen Laden nach einem Joghurt zu erkundigen?
»Erdbeer-, Wacholderbeer- oder ...?« fragt dich die freundliche Verkäuferin mit gewandter Zunge. Der Teufel soll sie holen, mit allen Erd- und sonstigen Beeren! Du willst ein ganz gewöhnliches Joghurt! Wie sagt man »gewöhnlich« in diesem Kauderwelsch?
In den ersten Tagen hast du auf jede Frage mit »Ich weiß nicht!« geantwortet. Selbst wenn man dich im Autobus fragte, wo du aussteigen willst. Deine Antwort ist bereit: »Ich weiß nicht.« Fünf Minuten später hast du den Sinn der Frage verstanden. Zu spät, um zu sagen: »An der Endstation!«
Im Urlaub unterwegs ist es eine Zeitlang ganz witzig, diese sprachliche Gefangenschaft. Wieder zu Hause angekommen erheiterst du alle mit einer wahren Geschichte, die dir in Ungarn widerfahren ist:
Verzweifelt suchtest du nach einer Toilette. Als du sie endlich gefunden hast, wußtest Du nicht, welche Tür du wählen sollst. Du wartetest eine Weile vor den Türen, bis du jemanden herauskommen sähest und damit wüßtest, welchem Geschlecht die ungarischen Wörter auf der Tür zuzuordnen seien. Schließlich kommt jemand weibliches aus der rechten Tür. Also muß die linke die deine sein. Erst später wird dir klar, daß du ins Fettnäpfchen getreten bist. Die Frau, die dort herausgekommen war, war zufälligerweise -- eine Putzfrau. Alle deine Zuhörer schütteln sich vor Lachen. Auch du. Damals, als es dir passierte, fandest du es gar nicht zum Lachen.
Zugabe! bittet die Gesellschaft, die du mit deinen Schwänken zum Lachen gebracht hast. In deiner Sprache spinnst du die Geschichten weiter. Die Sätze fließen, fließen dahin, alle lachen. Du denkst dir aus, dichtest noch dazu:
Die ersten Tage hast du in einem kleinen Restaurant jedesmal die gleichen Würstchen mit Senf bestellt. Bis zur Perfektion hast du diesen einen Satz geübt. Niemand würde dich daran als Auswärtigen erkennen können. Am fünften Tage hast du endgültig die Nase voll von Würstchen mit Senf. Du lauschst heimlich, was man am Nachbartisch bestellt, und wiederholst zweimal leise für dich, bevor du aussprichst: »Hühnchen mit Salat!«
»Hühnchen mit Salat, jawohl, was für ein Salat?« kommt das Echo in einem Atemzug von der Bedienung zurück. Pause.
Du hebst den Blick: Sie steht noch immer neben dem Tisch. Was will sie denn noch? fragst du dich beinahe verzweifelt. Du entschließt dich und wiederholst hochbeschämt: »Hühnchen mit Salat!« Wieder bettelt sie um irgendwas und bleibt geduldig stehen.
»Würstchen, mit Senf,« stößt du schließlich heraus, besiegt, erleichtert, als sie das versteht und ohne Fragen ausführt.
Wie komisch einem das alles vorkommt, wenn man daheim ist, und wie demütigend, wenn man es erlebt!
Daheim vergißt man vieles. An einem Zeitungsverkäufer gehst du uninteressiert vorbei. Im Ausland hat gerade er dich daran erinnert, daß du ein Fremder bist. Du kannst nicht einfach bei ihm stehen bleiben und locker ein Gespräch anfangen: »Schönes Wetter heute, nicht wahr?« Nur im Ausland lernst du auf einmal, eine Floskel wertzuschätzen. Diese ganz alltäglichen. Die, über die man zu Hause gar nicht nachdenkt. Gerade sie sind es, die jenseits der Landesgrenze jedes Gespräch holprig werden lassen. Zuerst sagst du nur das, was du gelernt hast, und erst danach das, was du denkst.
Wie oft hast du im Straßengewimmel plötzlich heimatliche Laute gehört? Schnell drehst du dich danach um, wie nach einem vertrauten Geruch. Doch trogen dich die Stimmen, es schien dir nur so.
Endlich geht es nach Hause! Geschenke gekauft, ein sauberes Hemd angezogen. Die Zöllner haben schon vor Jahren aufgehört, sich über deinen Kofferinhalt zu wundern. In eine Richtung wandern Haushaltsgeräte und Plastikspielzeug, in die andere eingemachte Früchte und geräucherter Schinken. Zum Wohl!
Im Augenblick ist die Ankunft noch fern. Du hast den Urlaub, die Reise gerade erst angetreten. Jetzt rollen unter den Rädern die ersten heimatlichen Kilometer. Herein tritt der Schaffner. Du zeigst die Fahrkarte, abgegriffen vom vielen Herzeigen auf fremden Kilometern: »Nun, Landsmann, wann kommen wir an?« Der Zug hat Verspätung. Was macht das schon. Hier kommt das Bier. »Oz'ujsko«. Du freust dich über den Anblick der vertrauten Marke. Oh, wie teuer es geworden ist! Dein Mund geht dir über. Rede nur, rede!
Manchmal, hin und wieder, mischt sich ein ausländisches Wort in deinen Text. Ist es Absicht? Gewohnheit? Teilst du etwas mit über das Leben dort, jenseits und nicht hier? Aber dieses fremde Wort ist klein und bedeutungslos, gleich einer Mücke im Wein. Jetzt kannst du alles geschmeidig ausdrücken.
Der Zug eilt voran, immer tiefer hinein in das Land, da Wörterbücher unnötig sind.
Geschenke im Koffer rumpeln zusammen. Das zweite heimatliche Bier wird geöffnet.
Am Waggonfenster gleiten Reklametexte vorbei: du verstehst sie alle. Selbst die längsten.
Im Gang des Waggons turtelt ein verliebtes Pärchen. Du weißt nicht, was er ihr gerade zuflüstert, aber du weißt jedes einzelne Wort, das zwischen den beiden fallen kann.
Du bist zu Hause, wo du dich ausdrücken kannst.
Aus dem Esperanto übersetzt von Martin Weichert, März 1996